Geschichte

Prof. Dr. M. Malyusz

aus: PHYSIOLOGIE - Forschung, Lehre, Öffentlichkeit, Heft 9, Oktober 1997

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Die Geschichte des Kieler Physiologischen Institutes spiegelt mit allen ihren Höhen und Tiefen die Geschichte Schleswig-Holsteins und seiner Universität wider. Die Christiana Albertina ist nicht sehr alt: sie wurde erst 1665 von Herzog Christian-Albrecht zu Schleswig-Holstein-Gottorf mit dem Ziel gegründet, fähige Geistliche und Beamte für sein souveränes Herzogtum auszubilden. Sie erhielt alle vier Fakultäten, die damals für eine vollwertige Universität erforderlich waren: die Theologische, die Juristische, die Medizinische und die Philosophische. Als Heimstätte wurde ihr das in der Reformationszeit säkularisierte Gebäude des Franziskanerklosters zugewiesen. Das Motto der Universität: "Pax optima rerum" (Der Frieden ist das Höchste aller Güter) erinnert an den erst kurz davor beendeten 30.-jährigen Krieg. Das Höchste aller Güter währte allerdings nicht lange: kaum dreißig Jahre später brach der Nordische Krieg aus und zog sich bis 1721 hin. Das Herzogtum stand auf der Seite der Verlierer. Im Friedensvertrag verlor das Herzogtum den Landesteil Schleswig an Dänemark. Herzog Karl-Friedrich begab sich nach St. Petersburg um von seinem Kriegsverbündeten, dem Zaren Peter dem Großen Hilfe zu erbitten. Der Zar half zwar nicht, gab ihm jedoch eine seiner Töchter zur Frau. In dieser Ehe ist Fürst Karl Peter Ulrich in Kiel, das nun Residenzstadt wurde, geboren. Erzogen wurde er jedoch schon in Sankt Petersburg, wohin ihn seine Tante, die Zarin Elisabeth gerufen und unter dem Namen Pjotr Fjodorowitsch zum Thronfolger des Russischen Reiches ernannt hatte. Auf Wunsch der Zarin heiratete Peter bald die junge Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst, die nach ihrem Übertritt zum orthodoxen Glauben zu Großfürstin Katharina wurde. Als Katharina die Große ist sie in die Geschichte eingegangen. So kam es, daß in der ersten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts Holstein und mit ihm die Kieler Universität aus Sankt Petersburg verwaltet wurde. Katharina kümmerte sich vorbildlich um Holstein und Kiel, auch die Universität erhielt von ihr ein neues Gebäude. Es existiert heute nicht mehr; an Katharina erinnern nur noch die von ihr gestifteten Farben der Universität: silber und lila (eine heraldisch ungewöhnliche Farbkombination). Holstein blieb nicht lange russisch: 1773 wurde es aus politischen Gründen Dänemark übergeben. Der König von Dänemark war fortan in Personalunion Herzog von Schleswig und Holstein.

Der Zeitpunkt der Gründung unseres Institues fällt in diese, dänische Periode. Der erste Professor der Physiologie in Kiel, der im Jahre 1853 ernannte Peter Ludwig Panum (Abb. 1) war selber Däne. Er war der Sohn eines dänischen Militärarztes, der nach Schleswig-Holstein versetzt worden war. Physiologie wurde freilich auch früher schon in Kiel unterrichtet: Bereits im Gründungsjahr der Universität hat Johann Daniel Major, der auf den "Lehrstuhl für theoretische Medizin und Botanik" berufen wurde, Physiologie gelesen. Auch der gerade im Jahre der Berufung Panums verstorbene Christoph Heinrich Pfaff, der zu seiner Zeit als einer der besten deutschen Universitätlehrer galt, hatte in seinen Vorlesungen physiologische Themen behandelt [Carstensen, 1967]. Der systematische Unterricht der Physiologie begann jedoch erst mit der Ernennung Panums. Panum sprach zwar exzellent deutsch, war aber stets stolz auf seine dänische Nationalität, die zur Zeit zunehmender nationaler Konflikte zwischen Deutschen und Dänen in den Herzogtümern ihm das Leben in Kiel nicht leicht gemacht hat. Man muß hierzu wissen, daß es damals unter deutschen Wissenschaftlern als moralische Pflicht galt, einem Ruf nach Kiel unbedingt zu folgen, egal wie die Bedingnungen auch waren - damit ja kein Däne an diese nördlichste deutsche Universität berufen werden konnte. Panum verhielt sich in diesem Spannungsfeld immer äußerst diplomatisch, dementsprechend war er unter seinen Kieler Kollegen beliebt. Zudem wurden seine fachlichen Fähigkeiten von allen anerkannt. Er war der erste "moderne" Physiologe im nordischen Raum, der naturwissenschaftlich orientiert war, den überkommenen Vitalismus und die Naturphilosophie entschieden ablehnte und seine Studenten experimentieren ließ. Außerdem war er der erste, der den Lehrstuhl für Physiologie, der zunächst im Arbeitszimmer seiner Privatwohnung in der Kehdenstraße seine Heimstatt hatte, im Jahre 1863 in ein eigenständiges Institut im Akademischen Krankenhaus an der Prüne überführen konnte. Freilich betrachtete Panum seine Position in Kiel selber immer nur als Übergang: schon anläßlich seiner Promotion an der Universität von Kopenhagen, während der königlichen Audienz, soll er auf die Frage seines Königs, was er wohl nun werden wolle, geantwortet haben: "Ich will Professor werden, zuerst in Kiel und dann in Kopenhagen". Der König soll geschmunzelt haben [Carstensen, 1967].

Nach 11 Jahren Tätigkeit in Kiel, 1864, war es soweit, zum Teil mit Bismarcks Hilfe. Der eiserne Kanzler tat in jenem Jahr den ersten Schritt zu seinem Einigungswerk, nahm die unklare Situation nach einem Dynastiewechsel in Dänemark und die immer deutlicher werdenden Danisierungsversuche der Kopenhagener Regierung zum Vorwand und veranlaßte den Deutschen Bund gegen den Herzog von Schleswig und Holstein (in Wahrheit gegen den neun dänischen König) die Bundesexekution zu verhängen. In ihrem Zuge brachte er mit Hilfe österreichischer und Hannoveraner Truppen die Provinzen Schleswig und Holstein unter deutsche (sprich: gemischt preußisch-österreichische) Verwaltung. In der Schlacht bei Översee haben ungarische Husaren des K.K. Expeditionskorpses die dänische Feldarmee geschlagen. (Diese war die erste verbriefte Aktion von Ungarn in Schleswig-Holstein, wenn auch nicht auf dem Felde der Physiologie). Die preußische Artillerie besorgte bei den Düppeler Schanzen den Rest. Im Friedensvertrag von Wien verlor Dänemark Schleswig-Holstein. Panum sah keine Zukunft mehr für sich in Kiel, obwohl ihn niemand zum Verlassen der Stadt aufgefordert hatte, vielmehr versuchte die Universität ihn in Kiel zu halten. Da der Lehrstuhl in Kopenhagen gerade vakant geworden war, verließ er die Herzogtümer und wurde noch im selben Jahr zum Professor in Kopenhagen ernannt, wo er Erbauer und Namensgeber des dortigen Physiologischen Institutes wurde [Carstensen, 1967]. Es versteht sich von selbst, daß unser Institut heute, in nunmehr völlig entspannter Atmosphäre, zu diesem exzellente Beziehungen pflegt.

Der Hinauswurf Dänemarks war nur der erste Schritt Bismarcks. Der zweite folgte 1866: Österreich wurde bei Königgrätz geschlagen, nicht zuletzt deswegen, weil der K.K. Generalstab aus dem sieg- und verlustreichen Sturm der erwähnten Husaren die falsche Konsequenzen gezogen hatte. Damit wurde auch die in Kiel sehr beliebte österreichische Verwaltung Holsteins beendet, Hannover und Schleswig-Holstein wurden preußische Provinzen.

Mit der Eingliederung Schleswig-Holsteins in den Norddeutschen Bund und dann in das Deutsche Reich begann in Kiel, das nun "Reichskriegshafen" wurde, ein rascher ökonomischer Aufstieg. Auch die Kieler Universität wurde nach Kräften weiterentwickelt. Der im Jahre 1866 nach einer Hausberufung ernannte neue Ordinarius für Physiologie erwies sich in jeder Hinsicht als großer Glücksfall: Prof. Viktor Hensen (Abb. 2) war nicht nur ein exzellenter Physiologe und Meeresbiologe (er erfand den terminus technicus "Plankton" und war der erste Planktonforscher) sondern auch ein hervorragender Organisator. Es gelang ihm das preußische Unterrichtsministerium zu überzeugen, daß ein neues Institutsgebäude für das Physiologische Institut von Nöten war. Das neue, sehr großzügig gestaltete Haus auf dem am Schloßpark in Hafennähe gelegenen Universitätsgelände wurde 1878 bezogen (Abb. 3).

Wie damals üblich, beherbergte das neue Gebäude im Erdgeschoß Laboratorien und den Hörsaal sowie die Wohnung des damals noch einzigen Assistenten von V. Hensen, während die Dienstwohnung des Direktors den gesamten I. Stock einnahm. Hensen war der erste, der seinen Medizinstudenten das Absolvieren eines praktischen Kurses zwingend vorschrieb. Sein wissenschaftliches Ansehen war so groß, daß Wissenschaftler aus anderen Ländern sich geehrt fühlten, wenn sie bei ihm arbeiten durften, so z.B. in den achtziger Jahren ein gewisser Dr. Török, der als ungarischer Meeresforscher bei ihm hospitiert hat. Hensen wurde erst sehr spät, 1911, mit 77 Jahren und nur auf seinen eigenen Wunsch emeritiert [Porep, 1970].

Sein Nachfolger wurde A. Bethe, wie sein Vorgänger und Nachfolger ein begeisterter Meeresforscher und häufiger Besucher der Stazione Zoologica in Neapel. Bethe weilte nur kurze Zeit in Kiel, bereits 1915 wechselte er auf die neugegründete Frankfurter Universität über [Fischer, 1957]. Nachfolger in Kiel wurde sein Kommilitone und Freund, Rudolf Höber (Abb. 4). Er war bereits seit 1909 als Hensens erster Assistent in Kiel. Er war keine so zurückhaltend-würdevolle Erscheinung wie Hensen, war aber noch mehr als sein berühmter Vorgänger begeistert von der Schönheit der Biologie und der Meeresforschung. Er konnte, wie kein anderer zu jener Zeit, die Begeisterung den Studenten vermitteln, seine Vorlesungen waren brillant. Unter ihm, einem der Gründer der modernen Biochemie, erreichte das Physiologische Institut in Kiel eine neue Blüte. Diese währte leider nicht lange: Der Absturz ins Bodenlose kam bald. Im Herbst 1933 wurde Höber, der in diesem Jahr auch das Amt des Prorektors inne hatte, nach monatelanger Drangsalierung durch Mitglieder der SS und durch nationalsozialistisch gesinnte Studenten zwangsemeritiert. Als Halbjude sah er für sich keine Zukunft mehr in Deutschland, emigrierte über England, wo ihm zunächst A.V. Hill Gastfreundschaft gewährte, in die USA und schaffte in Philadelphia eine zweite Karriere [Bethe, 1954, Prahl, 1995].

Das Institut verlor mit Höber nicht nur seinen bedeutendsten Kopf sondern auch seine Moral: Der neuernannte Nachfolger, E. Holzlöhner, hatte keine. Er war ein überzeugter Nazi, der ohne Hemmungen an KZ-Häftlingen experimentierte. Im Auftrag der Luftwaffe und Marine führte er Versuche zur Auskühlung des menschlichen Körpers im kalten Nordseewasser durch. Bei diesen Versuchen nahm er den Tod seiner unfreiwilligen Probanden in Kauf. Dabei muß ihm die Verwerflichkeit dieses Angehens bewußt gewesen sein: Bereits im Sommer 1943 soll er seiner Sekretärin gesagt haben, daß er sicher sei, im Falle eines Sieges der Alliierten von diesen aufgehängt zu werden. Dem wahrscheinlichen Todesurteil kam er 1945 durch Selbstmord zuvor [Prahl, 1995].

Der Neuanfang nach dem Krieg gestaltete sich äußerst schwierig: Von dem alten Institutsgebäude im Schloßpark war nach vier Jahren Bombenangriffen nichts mehr übrig, Personal gab es keines. Die Universität wurde von der englischen Besatzungsmacht erst einmal geschlossen. Bei der Wiedereröffnung im November 1945 mit zunächst insgesamt 2000 Studenten konnte der Lehrbetrieb in vielen Fächern, so auch in der Physiologie, nicht garantiert werden. Die Situation änderte sich erst mit der Berufung von Erich Opitz, der das Fach bis zu seinem frühen Unfalltode im Jahre 1953 vertrat. Er gründete das Institut in den dunklen, unfreundlichen (und unbeheizten) Räumen des Hauses Nr. 12 des Elac-Werkes, eines ehemaligen Rüstungsbetriebes, das die Besatzungsmacht der Universität zugewiesen hatte, neu. Das Institut besaß, außer zwei Waagen und ein paar Meßinstrumenten aus Wehrmachtsbeständen sowie Restbeständen von Chemikalien, nichts. Trotzdem, wie mir mein früherer Chef, Prof. Ochwadt, in den sechziger Jahren erzählt hat, fand bereits im Sommer 1946 in Kiel eine Art Physiologenkongress statt, an dem sich Kollegen zumindest aus der englischen Besatzungszone treffen konnten.

Opitz war nicht nur ein hervorragender Organisator, sondern auch ein enthusiastischer Forscher, der sein Lebenswerk, die Erforschung der Sauerstoffversorgung des Gehirns und der Ursachen der Sauerstoffmangelwirkung auch unter heute nicht mehr vorstellbaren Bedingungen fortgesetzt und hervorragende Ergebnisse erzielt hat. Sein Nachfolger, Hans Lullies (1953-1967, Abb. 5) ist für einige von uns schon lebendige Erinnerung: er hat sich mit unglaublicher Zähigkeit und Ausdauer für einen Neubau des Institutes eingesetzt hat. Planung und Verwirklichung dauerten fast elf Jahre, nicht zuletzt deswegen, weil das immer alles besser wissende Bauamt den ursprünglichen, nur auf die Aufgaben eines physiologischen Institutes zugeschnittenen, Entwurf von Lullies verworfen hat; er paßte nicht in das Gesamtbild der Neuen Universität. Lullies hat die Übergabe des modifizierten Gebäudes (1966) noch im Amt erlebt; richtig profitiert vom Gebäude haben aber seine Nachfolger. Wir können Hans Lullies heute noch dankbar sein für die sorgfältige, wohldurchdachte und großzügige Planung des neuen Institutsgebäudes in der Olshausenstraße, das bei der Einweihung den Namen "Rudolf-Höber-Haus" (Abb. 6) erhielt. Hier werden zwar heute nicht mehr 60 Studenten pro Semester ausgebildet, wie es die ursprüngliche Planung vorsah, sondern mehr als 300, auch die Zahl der Mitarbeiter war schon sehr bald nach dem Umzug wesentlich höher, als sich die Planer je erträumt hatten - aber Platz gab es und gibt es im Haus immer noch. Daß das Gebäude trotz gründlicher Vorplanung etliche, immer schlimmer werdende, bauliche Mängel vorweist, ist nicht die Schuld von H. Lullies, sondern der ausführenden Firmen und einer entsprechenden Bauaufsicht.

Durch den Neubau wurden die äußeren Voraussetzungen dafür geschaffen, dem Physiologischen Institut die der Bedeutung des Faches entsprechende moderne Struktur zu geben. Rückblickend kann man sagen, daß die Forschung in Kiel in diesen Jahren wieder internationales Niveau erreicht hat. Aus der Vielzahl der wissenschaftlichen Arbeiten, die in dieser Periode am Kieler Physiologischen Institut ausgeführt wurden, seien besonders die Beiträge von D. Lübbers zum Gewebsstoffwechsel und die experimentellen und theoretischen Arbeiten von G. Thews über die O2-Diffusion in Geweben hervorgehoben.

Während der Jahre der fast grenzenlosen Expansion der Universitäten änderte sich auch die Personalstruktur des Institutes. Mit der Berufung Manfred Monjés wurde ein zweiter Lehrstuhl für Physiologie (zunächst als Angewandte Physiologie, später als Lehrstuhl II) gegründet. Die Position eines "Professors an einer Wissenschaftlichen Hochschule" wurde geschaffen und durch W. Ulbricht (1969) und D. Trincker, später durch den Autor besetzt. Die zwei Lehrstühle bestanden formal bis zum Inkrafttreten der ersten neuen Schleswig-Holsteinischen Hochschulgesetze der Nachkriegszeit und der damit verbundenen Umstrukturierung in eine Gruppenuniversität (Juli 1974). Die "stürmischen" Jahre zwischen 1968 und etwa 1976 verursachten zwar auch in Kiel einige Erschütterungen, das Institut hat aber nicht übermäßig unter den gesellschaftspolitischen Experimenten jener Jahre gelitten. Allerdings wirken einige ihrer Spätfolgen immer noch empfindlich störend nach.
Nach Emeritierung von H. Lullies und M. Monjé wurden H. Meves und Ch. Weiss als Direktoren nach Kiel berufen. Als Meves 1970 wegen der hochschulpolitischen Ereignisse an der Universität keine Möglichkeit mehr für eine sinnvolle Tätigkeit in Kiel sah, verließ er die Universität und setzte seine wissenschaftliche Tätigkeit in England fort. Sein Nachfolger wurde R.F. Schmidt. Er baute eine große Arbeitsgruppe zur Erforschung des Schmerzes auf. Unter seiner Federführung entstanden hier große Teile der ersten Ausgaben des "Schmidt-Thews". - Ihm folgte nach seiner Wegberufung nach Würzburg M. Illert (1985). Nach Weggang von Ch. Weiss, der sich hauptsächlich mit den renalen Mechanismen der Autoregulation befaßt hat, nach Lübeck (1980) wurde seine Position nicht mehr besetzt. Das kollegiale Leitungsgremium, das seit 1974 die Geschäfte des Institutes führt, besteht z.Z. aus drei Direktoren (M. Illert, J.B. Nielsen - 1955 aus dem Kopenhagener Panum-Institut als Nachfolger von W. Ulbricht berufen - und M. Mályusz) von denen einer der gewählte Geschäftsführende Vorstand ist (z.Z. M. Illert).

Wenn eine neue Studentengeneration das Institut betritt, kommt sie zuerst in den Hörsaal bzw. in dessen großzügig bemessenen Vorraum. Der Vorraum bildet das Verbindungsstück zwischen zwei gleichgestalteten Gebäuden, von denen das rechte vom Eingang her gesehen das Physiologische Institut beherbergt. Im Vorraum fand schon manch gutbesuchtes Institutsfest statt. Der Hörsaal ist groß, er muß in seinem Einweihungsjahr riesig gewirkt haben. Heute reicht seine Kapazität mit 240 Sitzen nicht immer ganz aus. Er ist mit allen modernen technischen Hilfsmitteln zur Lehre ausgestattet, Dia- Epi-, Folien-, Film- und Videoprojektionen sind möglich, die weitgehende Automatisierung der Anlage ermöglicht es dem Vortragenden die Anlage und die Beleuchtung selbst zu steuern. Seit kurzem ist der Saal auch mit einer drahtlosen ELA-Anlage ausgestattet, obwohl die Akustik des mit hellem Holz ausgekleideten Raumes auch ohne Mikrofon gut ist. Die schwarzlackierten Holztische und -bänke haben den Dauertest der letzten dreißig Jahre bestanden.

Beginnt man den Rundgang des Hauses im Keller, denkt man sofort mit Dank an die Planer, die offensichtlich an alle damals vorstellbaren Eventualitäten der physiologischen Forschung gedacht haben. So findet man im Keller neben dem Hörsaal einen großen Vorbereitungsraum für Vorlesungen, Wandschränke für Demonstrationsmaterial sowie Lagerräume in unmittelbarer Nähe zum Hörsaal. Entlang des langen Korridors, der in der Mitte jeder Etage das Haus in zwei symmetrische Hälften teilt, findet man im Keller an der Frontseite einen Kühlraum, Umkleideräume und Duschen für das Personal, je eine kleine Werkstatt für Holzarbeiten und einen schalldichten Raum für akustische Versuche. An der gegenüberliegenden Seite befindet sich ein Isotopenlabor, eine Klimakammer und ein erschütterungsfreies Labor. Einige der kleineren Räume beherbergen technische Anlagen, wie Ventilatoren sowie unter dem Vorraum sogar Generatoren für stabilisierten Strom.

Das Erdgeschoß beherbergt ausschließlich Praktikumsräume. Sechs Kursräume, für je maximal 24 Personen zugelassen, mit großen Fenstern, je einem festmontierten, anspruchsvollen Labortisch mit Strom-, Gas- und Wasserzufuhr, sowie mehreren beweglichen Tischen mit Stromzufuhr, bieten ausreichend Raum für studentische Arbeit. Sämtliche Räume sind mit energiesparenden Ventilatoren ausgerüstet, jeder Labortisch ist an das Computernetzwerk des Institutes angeschlossen. Computer nehmen im physiologischen Praktikum eine zentrale Stelle ein; die für den Unterricht von M. Illert und seinen Mitarbeitern erstellte Praktikums-Software wurde 1990 mit dem "Deutschen Hochschul-Software-Preis" ausgezeichnet. Das Kursprogramm wird ständig weiterentwickelt und neuen Erfordernissen angepaßt. Zu diesem Thema konnten die Leser bereits in Nr. 1. der Zeitschrift Physiologie einen Bericht lesen.

In der ersten Etage des Hauses befinden sich die mechanischen sowie die elektronischen Werkstätten, ein Raum für Doktoranden und ein Photo- und Graphiklabor. Erstere bilden einen wesentlichen Teil der gemeinsamen Werkstätten der Vorklinik. Sie verfügen über alle notwendigen Werkbänke und Geräte; allerdings sind diese schon größtenteils veraltet - für Neuinvestitionen fehlt seit Jahren das Geld. Die ursprünglich in dieser Etage eingebaute und stets fehlerfrei funktionierende Gasmischanlage des Institutes mußte noch in den achtziger Jahren wegen strenger gefaßter Sicherheitsvorschriften abgebaut werden - sehr zum Verdruß der Mitarbeiter. - Das Photolabor war ursprünglich für Schwarz-Weiß-Arbeiten vorgesehen worden. Seit der Zusammenlegung der Werkstätten der Vorklinik werden hier keine Photoaufnahmen mehr erstellt, sondern durch Computer erzeugte Graphiken.

Der zweite Stock beherbergt das Sekretariat des Institutes, die Bibliothek, die wie jede andere Institutsbibliothek aus allen Nähten zu platzen droht, sowie die Laboratorien von Profs. Illert und Jänig mit Denkzimmern für ihre Mitarbeiter.

Im dritten Stock befindet sich die Abteilung von Prof. Nielsen, wo hauptsächlich Forschung an der zentralen Kontrolle der Willkürmotorik betrieben wird. Außerdem arbeitet hier Prof.Koppenhöfer. Last but not least schlägt hier das Herz des Institutes: hier sind die Server für das Computer-Netzwerk aufgestellt. Ebenfalls auf dieser Etage befindet sich das Emerituszimmer von W. Ulbricht. In separaten Räumen stehen einige der Geräte, die aus Sicherheitsgründen nicht in allgemein benutzten Labors betrieben werden sollten, z.B. Ultrazentrifugen und empfindliche HPLC-Geräte.

Der 4. Stock ist der Nierenphysiologie gewidmet. Nebst Denkzimmern für den Autor und seine Mitarbeiter gibt es hier 2 Tierlabors, ein Labor für Versuche an isolierten Organen/Zellen unter der Leitung von Priv.-Doz. Dr. Gronow und eine komplette PCR-Ausrüstung. Hier ist auch ein zweites Sekretariat lokalisiert.

Im 5. Stock befindet sich nebst den Räumlichkeiten des eigenständigen Institutes für Pathophysiologie und Medizinische Klimatologie der neu eingerichtete, moderne Seminarraum des Institutes. Mehrere Räume stehen außerdem dem BMBF-Verbund "Funktionelle Restitution kindlicher Hirnschäden" zur Verfügung. Dieser überregionale Verbund wurde 1995 eingerichtet. An ihm sind außer dem Physiologischen Institut mehrere Kliniken und Rehabilitationszentren beteiligt.

Die Schwerpunkte der Forschung im Physiologischen Institut liegen auf integrativen und membranphysiologischen Aspekten der Neurobiologie sowie der Nieren- und Kreislaufphysiologie und -pathophysiologie. Mit der Berufung von J.B. Nielsen kam zu diesen Themen die Organisation und zentrale Kontrolle der Motorik des Menschen hinzu. Es sollen hier nur einige der im Institut bearbeiteten Gebiete pars pro toto erwähnt werden:

In der Arbeitsgruppe Illert werden funktionelle Aspekte zur Organisation der Motorik bei Tieren mit intaktem ZNS und nach spinaler Hemisektion, sowie die Steuerung der Armmotorik bei Primaten untersucht. W. Jänig und seine Mitarbeiter erforschen Fragen der funktionellen Organisation des sympathischen Nervensystems sowie die neuronalen Grundlagen des Schmerzes (Eingeweideschmerz, Venenschmerz, neuropathischer Schmerz nach Nervenläsionen) und die Rolle des sympathischen Nervensystems bei Hyperalgesien. Mit der Biophysik der Nervenzellmembran, insbesondere mit Untersuchungen an Ionenkanälen erregbarer Membranen, der funktionellen Differenzierung von Mikrogliazellen und mit den axonalen Ionenkanälen bei demyelinisierenden Krankheiten beschäftigen sich J. Schmidtmayer und E. Koppenhöfer. Die Rolle renoprotektiver Aminosäuren ist eine der Themen aus dem nephrologischen Bereich. Außer diesem wird die physiologische Bedeutung des Hippuratstoffwechsels unter der Federführung des Autors erforscht. Zum Abschluß sollte noch erwähnt werden, daß das Physiologische Institut auch Gründungsmitglied des 1996 für Kiel ins Leben gerufenen "Forschungszentrums Integrative Neurowissenschaften" ist (Sprecher: M. Illert.) Dieses Zentrum erforscht in einem breiten Ansatz die integrativen Funktionen des Gehirns: vom Molekül zur Kognition. Es fördert die Ausbildung von Studenten und Doktoranden in den Neurowissenschaften sowie die Fortbildung der auf diesem Gebiet tätigen Ärzte und Wissenschaftler. Es versteht sich als Kristallisationspunkt der in Kiel zu obigen Fragestellungen tätigen Wissenschaftler.

Danksagung: Der Autor dankt A. Barth, M. Illert, T. Mályusz und W. Ulbricht für das kritische Durchlesen des Manuskripts.


Literatur:

  • Bethe, A (1954). Rudolf Höber. Pflügers Arch. 259: 1-3.
  • Carstensen, J (1957). Peter Ludwig Panum; in Herrlinger R Kudlien F Dann GE (Hrsg): Kieler Beiträge zur Geschichte der Medizin und Pharmazie, Heft 3, Neumünster, Wachholtz.
  • Fischer, E (1957) Albrecht Bethe. Ergebn. Physiol. 49: 1-22.
  • Porep, R (1970). Der Physiologe und Planktonforscher Victor Hensen; in Herrlinger R Kudlien F Dann GE (Hrsg): Kieler Beiträge zur Geschichte der Medizin und Pharmazie, Heft 9, Neumünster, Wachholtz.
  • Prahl, HW (1995). Die Hochschulen und der Nationalsozialismus; in Prahl, HW (Hrsg): Uni-Formierung des Geistes. Universität Kiel im Nationalsozialismus, Malik Regional, Band 1, pp 31-32, Kiel.