Rudolf Höber

Bioelektrizität - die Grundlage des Lebens

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ö als Direktor des Physiologischen Instituts
der Universität Kiel, Aufnahme etwa 1923.
Freundlichweise zur Verfügung gestellt
vom Höber Familien Archiv, Philadelphia. Francis W. Hoeber, Custodian

  • 27. Dezember 1873 geboren in Stettin

  • 1898-1909 Physiologisches Institut der Universität Zürich, Habilitation 1898

  • 1909-1933 Physiologisches Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

  • 1915-1933 Professur für Physiologie und Direktor des gleichnamigen Instituts

  • 1930-1931 Rektor der Universität

  • 26. September 1933 Vertreibung von der CAU (Versetzung in den Ruhestand)

  • 1934 Emigration über England in die USA, Gastprofessur an der Pennsylvanian Medical School (Philadelphia)

  • 5. September 1953 gestorben in Philadelphia (USA)

Arbeitsgebiete

  • Permeabilität biologischer Membranen

  • Stofftransport durch Osmose, Diffusion und aktiven Transport

  • Entstehung von Potenzialen im Körper

  • Entwicklung neuer Methoden zur Messung und Registrierung elektrischer Eigenschaften von Membranen

Lebenslauf

"Rudolf Höber war eine einmalige Erscheinung in der Physiologie" (W. Wilbrandt, Ergebnisse d. Physiol. 49, 1957)

1873-1898: Schulzeit und Studium

Rudolf Otto Anselm Höber wurde am 27. Dezember 1873 in Stettin geboren. Sein Vater, Anselm Emil Höber (geb. 1832 in Karlsruhe, gest. 1899 in Stettin) war Kaufmann. Die Mutter, Elise Höber, geborene Köhlau (geb. 1843 in Stettin, gest. 1920 in Kiel), stammte aus einer alten Stettiner Kaufmannsfamilie. lm Anschluss an seine Schulzeit am Königlichen Marienstiftsgymnasium Stettin nahm Rudolf Höber zusammen mit Albrecht Bethe zum Sommersemester 1892 das Studium der Medizin in Freiburg im Breisgau auf, ein im Hinblick auf die spätere gute Zusammenarbeit der beiden am Kieler Physiologischen Institut erster gemeinsamer Schritt. Höber beendete sein Studium 1897 in Erlangen, wohin er einer Einladung seines Onkels I. Rosenthal, des dortigen Lehrstuhlinhabers für Physiologie gefolgt war. Rosenthal übte offenbar eine große Wirkung auf ihn aus. Durch diesen wurde er mit den physikalisch-chemischen Arbeiten von Nernst vertraut, die sein Interesse auf die Funktion biologischer Membranen lenkten.

1898-1909: Tätigkeit in Zürich

Nach der Promotion zum Dr. med. 1898 in Erlangen wurde Höber Assistent von J. Gaule am Physiologischen Institut in Zürich. 1898 habilitierte sich Rudolf Höber bei Prof. Max von Frey (1852-1932), der 1897 als Vertreter des erkrankten Gaule nach Zürich berufen worden war und ein Jahr später zu dessen Nachfolger ernannt wurde. In seiner Antrittsvorlesung sprach Höber über die Bedeutung der Theorie der Lösungen für die Physiologie und die Medizin. 1901 erhielt er von der schweizerischen Erziehungsdirektion einen Lehrauftrag für vergleichende Physiologie, ab 1904 wurde ihm am Züricher Institut die selbständige Leitung des physikalischen Teils des physiologischen Praktikums übertragen. 1901 heiratete Höber Josephine Marx (geb. 1876 Berlin, gest. 1941 in Philadelphia). Sie studierte ebenfalls Medizin und arbeitete zeitlebens wissenschaftlich mit ihrem Mann zusammen.

1909-1930: Wechsel nach Kiel, Berufung auf Lehrstuhl für Physiologie

1909 wechselte Höber nach Kiel an das Physiologische Institut der Christian-Albrechts-Universität und wurde zweiter Assistent des Lehrstuhlinhabers Victor Hensen. Obwohl Hensen im allgemeinen dazu neigte, die Arbeiten seiner Assistenten thematisch zu bestimmen, entzog sich Höber dieser Einflussnahme und hielt auch unter ihm unbeirrt an seinem eigenen wissenschaftlichen Interessensgebiet fest. lm April 1910 wurde Rudolf Höber zum Titularprofessor ernannt. Ein Jahr später übernahm Albrecht Bethe, Höber aus seinen Schülertagen bekannt, als Nachfolger Victor Hensens den Kieler Lehrstuhl für Physiologie. Begünstigt durch den Umstand, dass Höber im Zuge dieser personellen Veränderung auf die Stelle des ersten Assistenten vorgerückt war, entwickelte sich mit dem Beginn der gemeinsamen Tätigkeit Bethes und Höbers am selben Institut eine so enge Verbundenheit zwischen den beiden nahezu gleichaltrigen Physiologen, dass man sie auf internationalen Kongressen zuweilen als "Kastor und Pollux" der deutschen Physiologie bezeichnete. Zum Sommersemester 1915 wechselte Bethe nach Frankfurt. Zum Berufungsverfahren in seiner Nachfolge gab es bei der Erstellung der Liste deutliche Kontroversen innerhalb der Fakultät, inwieweit Höber auf den ersten Platz der Berufungsliste platziert werden solle. Vor allem entzündeten sich diese an dem Thema einer Herausberufung. Inwieweit die indirekten Hinweise zutreffen, dass die jüdische Herkunft von Höbers Frau bei dieser Uneinigkeit der Fakultät eine Rolle spielte ist aus Mangel an belastbaren Quellen schwierig zu beurteilen. Unabhängig davon setzte sich das Ministerium über die Mehrheitsmeinung der Fakultät hinweg und berief am 18. Februar 1915 Rudolf Höber zum ordentlichen Professor und bestellte ihn zum Direktor des Physiologischen Institutes, dabei einem Minderheitenvotum von Bethe und Hensen folgend. Das Kieler Physiologische Institut erlebte unter Höbers Leitung, 1915-1933, seine Glanzzeit. Vor allem hat ihn die zu den klassischen Werken der naturwissenschaftlichen internationalen Literatur zählende "Physikalische Chemie der Zelle und der Gewebe" (1902) allgemein bekannt und berühmt gemacht. Die 1926 erschienene weitgehende Neubearbeitung (6. Ausgabe) bildet zweifellos mit ihrem reichen Gehalt an eigenen experimentellen Resultaten einen Höhepunkt in seinem Lebenswerk. Höber hatte mit Meyerhof, Mond und Netter eine Reihe profilierter Mitarbeiter an das Institut geholt, die ihre wissenschaftlichen Themen eigenständig und auf hohem Niveau bearbeiteten. Meyerhof erhielt 1922 für seine Arbeiten den Nobelpreis. Höber konnte sich in der Fakultät nicht damit durchsetzen, am Physiologischen Institut eine Professur für Physiologische Chemie zu schaffen und diese mit dem Nobelpreisträger zu besetzen.

1930-1931: Rektorat der Christin-Albrechts Universität zu Kiel

Die Wahl zum Rektor empfand Höber als Vertrauenszeichen seiner Kollegen. Aus den ersten Worten seiner Rede beim Antritt des Rektorats am 5. März 1930 wird aber auch ein gewisses Unbehagen deutlich: Das neue Amt sei "eine Art Abschied von meiner Wissenschaft". Höber sah sich mit neuen, teilweise ungewohnten Aufgaben konfrontiert und betrachtete diese eher als eine ihm fremde Pflicht. Offensichtlich lag ihm die zurückgezogene Forschungsarbeit im Laboratorium wesentlich näher als das mit dem Amt des Rektors verbundene Wirken in der Öffentlichkeit. In seiner Antrittsrede sprach Höber zum Thema "Das Lebendige als Objekt naturwissenschaftlicher Forschung". Er nutzte die Gelegenheit zu einigen grundsätzlichen Gedanken zur physiologischen Forschung. Er referierte über die Ablösung der Physiologie von der klinischen Medizin mit der Tendenz, die Physiologie mehr den anorganischen Naturwissenschaften zuzuordnen. Während er dies auf der einen Seite wegen des zunehmenden Erkenntnisgewinns begrüßte, befürchtete er auf der anderen Seite einen grundsätzlichen Konflikt zwischen Medizin und Physiologie. Dieser könne auch zum Nachteil der Patienten ausgehen, da der Arzt aus den individuellen Eigenschaften des Patienten den Prozess der Erkrankung abstrahieren müsse.
ln sein Rektorat fiel ein Zwischenfall, der zum vordergründigen Anlass für den Prozess seiner Zwangsemeritierung durch die Nationalsozialisten wurde. Der Nationalsozialistische Studentenbund und die Kieler Freie Studentenschaft versuchten im Herbst 1930 die Predigt des seit 1926 emeritierten liberalen Theologen Otto Baumgarten (1858-1934) in einem Festgottesdienst in der Nicolaikirche zu stören. Dies gelang nicht, aber Baumgarten wurde in einem anschließenden Flugblatt "als landesverräterisch, philosemitisch, pazifistisch und international" beschimpft. Höber stellte sich hinter Otto Baumgarten und übernahm den Vorsitz in einer Kommission der Universität, die einem der Beteiligten die angestrebte Immatrikulation zum Wintersemester verbot und einen zweiten in die Aktion verstrickten Studenten von der Hochschule verwies. Außerdem wurde der Hochschulgruppe Kiel des Nationalsozialistischen Studentenbundes die Anerkennung und die Rechte eines akademischen Vereins entzogen.

1933-1953: Zwangsemeritierung, Emigration, Neubeginn in den USA

Rudolf Höber, der durch seinen Eintritt für Otto Baumgarten in das Visier der Nationalsozialisten gekommen war, wurde am 24. April 1933 körperlich und politisch attackiert. Ab Mai konnte er wieder als Direktor des Instituts arbeiten. In der Umsetzung des Gesetzes zur "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" wurde er trotz Interventionen von Fakultät und Rektorat am 23.September 1933 zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Höber emigrierte Ende Oktober nach England und wurde am Department of Physiology an der Londoner Universität als Gastprofessor aufgenommen. Über das "Emergency Committee in Aid of Displaced Foreign Scholars" und die Rockefeller Foundation bekam Höber im Dezember 1933 ein Stelle in der Pennsylvania Medical School angeboten. Auf seine Zusage hin wurde eine Gastprofessur für General Physiology geschaffen, und zwei Laboratoriumsräume zur Verfügung gestellt. Höber baute eine neue Arbeitsgruppe auf, mit der er an die Kieler Fragestellungen anknüpfte. Die wohl interessanteste Frucht dieser Arbeiten, die sekretorische Sonderstellung der polar-apolaren Verbindungen eröffnete ein neues Arbeitsgebiet, das Studium dieser Körperklasse in weiterem Rahmen. Seine letzten experimentellen Arbeiten waren diesem Thema gewidmet. In den letzten Jahren war Höber schwer erkrankt, an seine Wohnung gebunden und musste seine experimentelle Arbeit aufgeben. Er blieb in Briefwechsel mit Netter, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Kiel als Doyen der Physiologischen Chemie und der Chemie agierte. In einem dieser Briefe zeigte sich Höber sehr erfreut über die Tatsache, dass das Physiologische Institut ihm zu Ehren den Namen "Rudolf-Höber-Haus" erhielt.

Rudolf Höber verstarb am 5. September 1953

Quelle:
Hoeber F. Hoeber, A Family Over Three Centuries. https://hoebers.wordpress.com/
Nitsche B. (2002) Die Geschichte des Physiologischen Instituts der Universität Kiel in der Zeit von 1911 bis 133. Inauguraldissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Ratschko K.-W. (2014) Kieler Hochschulmediziner in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Medizinische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität im "Dritten Reich". Klartext-Verlag Essen
Wilbrandt W. (1957) Ergebnisse d. Physiol. 49:23-46

Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Illert, Physiologisches Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel